shamisen

Im September durfte ich etwas sehr Spezielles machen. Für mich war das ein sehr japanischer Moment - eine Shamisen-Probelektion. Das Shamisen ist via Okinawa von China nach Japan gekommen.

Wie Ihr vielleicht wisst (oder auch nicht), ist der/die/das Shamisen ein Saiteninstrument mit 3 Saiten, etwa die Grösse eines Banjo und (hauptsächlich) aus Katzen und Holz gemacht.
Das klingt seltsam und ein wenig brutal aber es ist zum grossen Teil wahr. "Hauptsächlich" ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber einige wichtige Teile wurden tatsächlich aus Katzen hergestellt. Die Saiten wurden wie damals Gitarrensaiten aus Katzendärmen hergestellt. Heutzutage werden sie aus Nylon hergestellt. Die Decke des Resonanzkörpers wurde mit Katzenhaut überzogen, welche aber leicht einriss und heute durch beständigeres Material ersetzt wird.
Unten seht ihr ein shamisen (die Länge des Halses beträgt etwa 95cm).

shamisen
ein shamisen

Was mich am meisten erstaunt hat, ist der niedrige technische Standart des Instruments.Ich meine das nicht herablassend, aber z.B. sind die Mechanismen am oberen Ende des Halses, wo die Saiten aufgezogen werden, sehr viel weniger stabil als bei einer Gitarre. Am unteren Ende, wo die Saiten befestigt werden, sieht es nicht besser aus. Die Saiten werden mit Schnüren befestigt.
Das Resultat ist, dass sich ein Shamisen oft und einfach verstimmt. Während den zwei Stunden Probelektion mussten wir den Shamisen ca. 3x neu stimmen. Es ist auch bei Konzerten nicht selten, dass die Spieler während eines Stückes, wenn sie gerade Pause haben, die Saiten neu stimmen (wie sie das machen während rundherum andere Leute musizieren, weiss ich auch nicht).
Auch erstaunt hat mich Grösse eines Shamisens. Etwa gleich lang aber Klangkörper ist viel kleiner und naürlich viel leichter.

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Beim Shamisen spielen

Die korrekte (traditionelle) Weise fürs Shamisen spielen ist das Seiza - auf den Beinen sitzen. Wer es sich nicht gewöhnt ist, wird die Beine nach 5 Minuten nicht mehr fühlen können im Seiza und Hardcore-Masochisten geben dann 10 Minuten später wohl auch auf. Glücklicherweise durfte ich für die Probelektion auf einem Stuhl sitzen, unter anderem auch weil meine Arme ein wenig länger sind als durchschnittlicher japanische Gliedmassen, weshalb wir auch die Halteposition dann ein wenig anpassen mussten (der rechte Arm ruht üblicherweise auf dem Klangkörper wobei sich die rechte Hand mit dem Bacchi dann gleich in der korrekten Position befindet für das Anschlagen der Saiten). Im Bild oben sitze ich im Schneidersitz, was natürlich auch angenehmer ist. In den Videos unten ist dann jedoch Seiza angesagt.

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Das Bacchi

Beim Shamisen werden die Saiten üblicherweise mit einem übergrossen Plektrum names "Bacchi" angeschlagen (Aussprache des hinteren Teils ähnlich wie "Gucci").
Ein Shamisen mit dem Bacchi spielen ist fast wie mit dem Plektrum auf einer Gitarre rumfideln, aber da die Distanz zwischen der Bacchispitze und der Saite grösser ist als bei der Gitarre mit dem Plektrum war es schwierig genau zu spielen und die "schnellen" Takte waren dementsprechend anspruchsvoll. Mit ein bisschen Übung sollte das aber drinliegen. Im Bild unten sollte der Daumen ein bisschen weiter links liegen.

shamisen
Das Bacchi halten

Viele Wege führen nach Rom und auf dem Weg dorthin kann man auf viele Arten Shamisen spielen. Am natürlichsten ist der Abschlag, bei welchen die Saite von oben nach unten angeschlagen werden und das Bacchi dann auf der unteren Seite ruht. Auf diese Weise erzeugt mann den stärksten Ton auf dem Shamisen ausser man spielt damit Schlagzeug, was das Instrument aber zweckentfremdet.
Als Gegenstück zum Abschlag gibt es dann den *staun* Aufschlag, bei welchem die Saite von unten angeschlagen, was für Gitarristen natürlich alles alter Käse ist.
Neben dem Anschlagen der Saiten gibt es noch die feineren Methoden: einen Ton erzeugen, indem man den Finger der linken Hand kraftvoll von den Saiten abziehen und als Gegenstück mit dem Finger der linken Hand auf die Saite aufschlagen. Mit der linken Hand meine ich die Hand auf dem Griffbrett, da "normale" Leute eine Gitarre oder ein Shamisen mit dem Hals gegen links halten - obwohl es auch ein paar wenige Freaks gibt, die da aus der Reihe fallen müssen.
Wenn wir gleich vom Griffbrett sprechen, es gibt keine Bünde wie bei der Gitarre, also ähnlich wie bei einer Geige. Daher bestimmt die Position des Fingers die Tonhöhe und wenn man die Position auch nur ein bisschen verpasst, dann klingt man wie ein totaler Anfänger.
Andererseits ist es dank dem Fehlen der Bünde dann möglich, ein schönes Vibrato zu spielen, ähnlich wie bei einem Fretless Bass, einem Kontrabass oder eine Geige.

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Eine Shamisen-Notation von Sakura (neue Version)

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Eine traditionelle Shamisen-Notation von Sakura

In den Bildern oben könnt ihr zwei Notationsweisen sehen für Shamisen.
Die Notation auf dem ersten Bild entspricht einer Gitarrentabulatur. Jede horizontale Linie entspricht einer Saite und die Nummer zeigt an, an welcher Position man den Finger aufsetzen muss. Eine 0 entspricht dabei einer leeren Saite. Da hierbei arabische Zahlen verwendet werden, ist diese Notationsweise sehr angenehm für westliche Besucher.
Wenn mann das nun vergleicht mit der traditionellen Notation auf dem unteren Bild, dann fallen einem gleich mehrere Dinge auf. Die Linien werden von oben nach unten und von rechts nach links gelesen.
Die leeren Saiten werden hier nicht mit einer 0 angegeben sondern mit einem Kanji: Die höchste Saite (in der Gitarren-ähnlichen Tabulatur die oberste Linie) wird als "五" geschrieben, was eigentlich 5 bedeutet im normalen japanischen Sprachgebrauch. Das steckt sicherlich ein Missverständnis dahinter, weshalb bei einem Saiteninstrument mit nur drei Saiten die oberste Saite als 5 bezeichnet wird, aber für den Moment lassen wirs einfach dabei.
Als weiteres wird bei der Repetition einer Note nicht einfach die Note mehrere Male geschrieben z.B. 0 0 0 sondern es wird ein Symbol benützt, das ein bisschen wie eine rechte eckige Klammer aussieht: ">"
Ebenfalls ein bisschen verwirrend ist die Zählweise. Die leere Saite ist das Kanji "五", die zweite Position auf dem Griffbrett wird als 1 geschrieben und die dritte Position als 2 - bedeutet das allenfalls, dass die erste Position nicht benützt wird? Da bin ich mir auch nicht sicher....
Die Notation für die mittlere Saite ist wie folgt: 一 für die leere Saite, 二 für die zweite Position auf der mittleren Saite. Für die tiefe Saite ist die Notation fast dieselbe wie für die mittlere Saite, nur werden dem 一, 二 etc. den Stamm des Kanji für Mensch "人" vorangestellt. Da man normalerweise nur den Stamm eines Kanji nicht schreiben kann, hier ein weiteres Kanji in dem derselbe Stamm vorkommt: 侍 (der linke Teil ist der Stamm, das ganze Kanji bedeutet übrigens "Samurai")
Natürlich gibt es für alle die anderen Anschlagsarten auch noch Symbole. Schlussendlich sieht dann ein traditionelles Shamisen-Notenblatt auf den ersten Blick sehr verwirrend aus.

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shamisen brothers

Japan wäre nicht Japan, wenn es nicht einen Shamisen-Spielautomaten gäbe. Ähnlich wie "guitar hero" (newsletter #13 - Vorsicht, altes Design!) Darf ich vorstellen: "shamisen brothers", oder wortwörtlich auf Japanisch: "shamisen burasaasu".
Das Spielprinzip ist dasselbe wie Guitar Hero: Instrument umschnallen und dann auf dem Shamisen die Noten spielen, die auf dem Bildschirm herunterfallen. Wenn man das Timing im Griff hat und genug Punkte scheffelt, dann kommt man einen Song weiter.

Dank youtube.com sind meine Seiten nun vollends zu Multimedie-Spektakeln geworden. Seht Euch die zwei kurzen Videos an, in welchen ich ein Shamisen malträtiere (das Flashplayer-Plugin für den Browser muss installiert sein):


Sakura auf dem Shamisen (Bitte die Seiza (Sitzposition) beachten)


Ich wäre wahrscheinlich nicht ganz ohne das. Was mann auf einem Shamisen nicht spielen sollte.

Falls Ihr durch den Newsletter ein wenig Interesse gekriegt habt an Shamisen, dann empfehle ich Euch die Webseite der "Yoshida Brothers" (auf Japanisch "吉田兄弟") unter http://www.yoshidabrothers.com/ (der Link öffnet in einer neuen Seite).
Die zwei Geschwister sind dafür bekannt, die Grenzen der traditionellen Shamisenmusik zu erweitern, indem sie ihrer Musik moderne Instrumente wie Gitarre, Bass und Schlagzeug hinzufügen und somit etwas ganz Neues und Eigenes kreieren. Die zwei sind inzwischen auch international sehr bekannt, was wahrscheinlich auch damit zusammenhängt, dass ihre Musik sehr eingänglich und leicht verdaulich ist.
Die Yoshida Brothers spielen sogenannte "tsugura shamisen", dessen Musik die Schläge stärker betont als zusammen die Shamisen-Spielart von Geishas, welche eher fliessend und soft ist.

Wer beim Wort Anime nicht gleich Kopfschmerzen kriegt, dem möchte ich den Film "Nitaboh" empfehlen (Die Homepage dazu unter http://www.nitaboh.com/, auch in Englisch und Französisch). Der Film wird im März 2007 im Fernsehen ausgestrahlt und wird nachher auch auf DVD und Video erhältlich sein.
Im Film gehts um einen Jungen namens Nitaboh, der böse Roboter aus einer anderen Dimension mit Shuriken aus Noten bekämpft während im Hintergrund leicht bekleidete Schulmädchen und Pokkemon-artige Monster tanzen und ihn auf seiner Reise zum Berg Fuji begleiten.
Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht wird er krankheitsbedingt als Kind blind und lernt von seiner Mutter Shamisen spielen. Im Norden Honshus, wo er aufwächst und die Winter streng und hart sind, reist er als Musiker umher um die Leute mit seiner Musik zu erfreuen. Er bildet seinen eigenen Stil, was nicht nur Bewunderer auf den Plan ruft aber am Ende überkommt er alle Schwierigkeiten und gründet den oben genannten Tsugaru-Stil.

Und falls Ihr jetzt darauf ein Shamisen in die Finger zu bekommen, dann gibt es eine Firma in Chiba (in der Nähe von Tokio), welche auch ins Ausland verschickt für nicht allzuviel Geld (ca. 450Sfr.) Den Laden findet man unter http://stores.ebay.com/Kaede-Japanese-Music auf ebay.com.

Ein echtes Shamisen kostet übrigens von 700Sfr bis 2000 Sfr.

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